DIE MACHT INNERER BILDER

Inkubation in der Antike
Besucherinnen vor dem Bild DIE SCHÖPFUNG (300 x 500 cm)


Heute kennen wir diesen sperrigen Begriff fast nur noch aus der Medizin. Als Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch einer Krankheit. Hinter dem Wort verbirgt sich jedoch eine viel ältere Tradition, die auch etwas mit Ausbrüten zu tun hat - mit einem mentalen Ausbrüten allerdings.

Als sich der Künstler drei Wochen in Dunkelheit zurückgezogen hat, hat er sich – ohne es zu wissen - einer Inkubation ausgesetzt. So lautet der Fachbegriff für die besondere Ritualpraxis, die verschiedene alte Hochkulturen über viele Jahrhunderte hinweg gepflegt haben. Inkubationen wurde genutzt, um willentlich innere Bilder herbeizurufen. Aber auch das wusste der Künstler damals noch nicht.

Auch die alten Griechen haben die Höhleninkubation hoch geschätzt. Sie versuchten damit Zugang zu den Bereichen jenseits unseres Wachzustandes zu erlangen. Ziel war es, Krisen zu bewältigen, Krankheiten zu heilen, Weisheit und göttliche Weissagungen zu erhalten. Dabei ging es immer um ein Wissen, das von einer anderen Ebene des Seins kommt, aus einer anderen Realität. Der sogenannte „Tempelschlaf“ fand an heiligen Orten statt und wurde in der Regel von erfahrenen Ärzten und Priestern angeleitet. Es gingen ihm aufwendige Vorbereitungen voraus: Opfergaben, Abstinenz, Reinigungen und symbolische Handlungen. Dann legten sich die Ratsuchenden in eine unterirdische Kammer, Grotte oder Höhle. Wichtig war, dass die Menschen absolut nichts tun durften während der Inkubation. Man legt sich nieder als wäre man tot und tauchte in die Stille ein. Jetzt ging es darum, den Lärm der eigenen Gedanken abzuschalten. Irgendwann kam die Phase,in der man aufhört sich gegen die Situation zu wehren – dann erst war man bereit für eine Vision.

Bei therapeutischen Inkubationen galt man als geheilt, wenn man in der Vision einem Gott Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Sogar Hippokrates von Kos, der berühmteste Arzt der Antike und Begründer unserer modernen Medizin, hat beim Zusammenstellen seiner Schriften auf die Ergebnisse medizinischer Inkubationen zurückgegriffen. Von Pythagoras ist überliefert, dass er sich tagelang allein in eine Höhle zurückzog, um über wissenschaftliche Fragen nachzudenken. Damals war auch die Gesetzgebung eng mit dieser Praxis verknüpft, so sehr hat die damalige Gesellschaft den Inkubationen vertraut.

Aber was passiert denn nun dabei? Manche Autoren beschreiben sie als Zustand, der „weder Schlafen noch Wachen“ sei. Der Künstler sagt, dass dieses Gefühl unmöglich mit Worten zu beschreiben sei. Er hält es sogar für gefährlich, es überhaupt zu versuchen. Wir greifen beim Hören von Worten immer auf das zurück, was wir bereits kennen. Im Fall der Inkubation wäre das fatal, denn der Zustand ist mit nichts zu vergleichen, was wir aus dem normalen Leben kennen. Das Entscheidende einer Inkubation ist die persönliche Erkenntnis, die aus der Erfahrung gewonnen wird.

Es galten strenge Regeln im Umgang damit: „Habe das Wissen, aber teile es nicht. Vermittle es nur an diejenigen, die so weit sind, es zu erfahren“. Der 18 Künstler fasst sein Erlebnis folgendermaßen zusammen: „In den drei Wochen habe ich gelernt, mir selber zuzuhören.“

Die Möglichkeiten einer Inkubation sind sehr spannend. Bevor Sie jedoch in Erwägung ziehen, sich selber einer solchen Erfahrung auszusetzen, bedenken Sie bitte, dass die Inkubation eine extreme emotionale Grenzsituation ist. Sie ist eine ungefilterte Begegnung mit dem Selbst. Sie kann sowohl in befreiender Klarheit, als auch im Wahnsinn enden. Niemand sollte sich leichtfertig und ohne sachkundige Begleitung in eine solche Situation begeben.