Was, bitte sehr, ist denn eine "Inkubation"?

Heute kennen die meisten diesen sperrigen Begriff nur noch aus der Medizin. Der Inkubator als Brutkasten für Frühgeborene. Hinter dem Wort verbirgt sich jedoch eine viel ältere Tradition, die in der Tat etwas mit „Ausbrüten“ zu tun. Mit einem mentalen Ausbrüten allerdings.

Der Pegasus in unserem Logo hat übrigens ebenfalls damit zu tun.
In der antiken Welt war die Inkubation eine weit verbreitete Ritualpraxis, die dem Ziel diente, Krankheiten zu heilen und/oder Orakelsprüche und göttliche Inspirationen zu erhalten. Manchmal auch Tempelschlaf genannt. Inkubationen fanden an heiligen Orten statt und meistens gingen ihnen aufwendige Vorbereitungen voraus: Opfergaben, Abstinenz, Reinigungen und symbolische Handlungen. Dann legten sich die Ratsuchenden reglos in eine unterirdische Kammer, Grotte oder Höhle. Wichtig war, dass die Menschen absolut nichts tun durften während der Inkubation. Man legt sich nieder als wäre man tot und irgendwann kam die Phase, da man aufhört sich gegen die Situation zu wehren – dann erst war man bereit für eine Vision.

Wenn die Inkubation in Zusammenhang mit einer Krankheit durchgeführt wurde, galt man als geheilt, wenn man in der Vision einem Gott Angesicht zu Angesicht gegenüber stand. Manchmal haben auch die Priester oder Ärzte anstelle der Patienten die Inkubation durchgeführt. Dabei empfingen sie Hinweise auf die passende Medizin. Sogar Hippokrates von Kos, der berühmteste Arzt der Antike und Begründer unserer modernen Medizin hat beim Zusammenstellen seiner Schriften auf die Ergebnisse medizinischer Inkubationen zurückgegriffen. Wenn man so will, liegen auch die Wurzeln unserer Medizin in dieser historischen, beinahe vergessenen Ritualpraxis.

Was passiert denn nun während einer Inkubation? Manche Autoren beschreiben sie als einen eigenartigen Zustand, der „weder Schlafen noch Wachen“ sei. Axel, der ihn selber in den 3 Wochen erlebt hat, als er sich in seiner abgedunkelten Wohnung eingeschlossen hatte, sagt, dass dieses Gefühl unmöglich mit Worten zu beschreiben ist. Es hält es für gefährlich, es überhaupt zu versuchen. Menschen greifen bei Hören von Worten immer auf das zurück, was sie bereits kennen. Im Fall der Inkubation würde das fast immer auf eine falsche Fährte führen.

Fakt ist: der Zustand ist mit nichts  zu vergleichen, was man aus dem normalen Leben kennt. Manche sprechen von „out of body experience“, was die Sache auch nicht verständlicher macht. Schon assoziiert man eine Nahtoderfahrung. Manchmal wurden auch Drogen dazu verwendet, sodass man auch von einem rauschartigen Zustand sprechen könnte.

Aber egal. Wichtig ist, was jeder einzelne in seiner persönlichen Inkubation erlebt. Es handelt sich um eine so massive emotionale Grenzsituation, dass sie das gesamte Leben danach verändern kann. Darum spricht man auch von einer Initiationserfahrung. Man wird ein eine andere Welt initiiert, die vielleicht schon lange da war, jedoch nicht erkannt wurde. Am Ende davon steht eine veränderte Wahrnehmung des eigenen mentalen Raumes.

Dass man in der Antike solche Erlebnisse als Begegnungen mit dem Numinosen, dem Göttlichen, gedeutet hat, erschließt sich aus der damaligen Kultur. Heute würde man aus dem Bereich der Neurowissenschaften argumentieren – ein Fachgebiet in dem es bekanntlich auch noch mehr Fragen als Antworten gibt. Das Mysterium Mensch eben – Bestie und genialer Homo Faber in einem.
Patrizia, 12.01.2016

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