Intuition. In die Zukunft gerichtete Erinnerung.

Artist Statement aufgeschrieben von Patrizia Neumann


Axel Neumann wollte nie imitieren, sondern Neues kreieren. Er ist überzeugt davon, dass der Künstler ausschließlich aus sich selber schöpfen darf.

Und er malt, weil er malen muss. Der Künstler akzeptiert seine innere Notwendigkeit bedingungslos.„Ich bin nichts, meine Aufgabe ist alles.“ Besessenheit oder Beseeltheit? Eine solche Radikalität mag im modernen Kontext des freien Willens befremdlich erscheinen, erschließt sich jedoch durch das Wissen um sein künstlerisches Schlüsselerlebnis.

Das fand 1990 statt. Getrieben von existenzieller Unruhe, seinen Weg noch nicht gefunden zu haben, ließ sich der Künstler 21 Tage in seiner vollständig abgedunkelten Wohnung einschließen. Er war bereit, den Ritt auf der Rasierklinge zu riskieren. Der Rückzug in die schwarze Stille wurde zu einem langsamen Eintauchen in das Selbst. Nach einigen Tagen veränderte sich seine Wahrnehmung des mentalen Raumes. Er verlor das Zeitgefühl, und plötzlich sah er Motive vor seinem inneren Auge, die ihm bislang unbekannt waren. Es waren kompliziert ineinander verwobene Körper und feine Farbübergänge von nahezu haptischer Weichheit. Die Erfahrung war beängstigend, und aus irgendeinem Grund wusste er, dass er so viele Motive wie möglich in seinem Gedächtnis abspeichern musste.

Jahre später erst erfuhr er, dass er eine Enkoimesis (lat. Inkubation) praktiziert hatte, einen Tempelschlaf. Das ist eine in allen antiken Hochkulturen dokumentierte Praxis, die in konfliktreichen Phasen der Krankheit und Veränderung, der Heilung dienen sollte. Sie wurde stets von erfahrenen Priestern angeleitet und war eng mit den Einweihungsriten der Mysterienkulte verbunden. Die Träume, die sich dabei zeigten, wurden als Zwiegespräch mit den Göttern gedeutet.

Heute sagt der Künstler, dass er in diesen drei Wochen gelernt hat, sich zu erinnern. Nach diesen 21 Tagen war ihm klar, dass er einen neuen Beruf hatte.


Suche

Das bildnerische Bannen der inkubatorischen Visionen erwies sich jedoch komplizierter als erwartet. Mit keiner schon existierenden Maltechnik gelang ihm auch nur eine entfernte Annäherung. Beim zufälligen Schreiben mit einem Patronenfüller, fragte er sich, warum ein so fein entwickeltes Werkzeug nicht auch zum Malen verwendet wird. Ist es nicht das perfekte Instrument für Farbübergänge?

Er besorgte sich Tinte in allen verfügbaren Farben und begann seine Forschungsarbeit. Nach rund zwei Jahren kristallisierte sich ein spezielles Malsystem heraus, mit dem es ihm gelang, die Plastizität der flügelartig geschwungen Formen seiner Visionen mit feinen Farbübergängen zu kombinieren. Der Triumph war jedoch nur vermeintlich, denn die ersten Füllerbilder verblassten bereits.

Die Füllermalerei bedurfte noch einer zweiten Phase der Entwicklung. Welche lichtechte Farbe lässt sich mit dem Füller verarbeiten? Nach zermürbenden Experimenten mit pigmenthaltigen Alternativen gelang ihm 1994 schließlich der Durchbruch mit dem richtigen Mischverhältnis auf Acrylbasis.

 
Handwerk

Seither ist der Künstler sowohl seiner Maltechnik als auch seiner Aufgabe treu geblieben. Wann immer er kann, arbeitet er. Idealerweise täglich und nicht selten 14 bis 18 Stunden am Stück. Die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit überschreitet er regelmäßig. Die zahlreichen Motive, die er in seiner Enkoimesis gesehen hat, drücken ihn. Sie möchten zu Papier gebracht werden. Jedes „abgearbeitete“ Motiv verschafft Erleichterung.

Täglich repetiert er die Arbeitsabläufe mit immer gleicher Hingabe und Sorgfalt. Jedes Utensil hat seinen festen Platz und über allem steht die penible Sauberkeit im Umgang mit seinem Instrument. Der Füller ist ein anspruchsvolles Werkzeug. Er kann sich der Hand fließend hingeben, sich aber auch von einer Sekunde auf die andere stockend widersetzen. Wer den Füller beherrschen will, muss sich ihm in Demut nähern.

Füllergemälde bestehen aus zahllosen feinen Strichen. Sie entstehen ohne Vorzeichnung und ohne Hilfsmittel. Die Füllermaltechnik lässt keine Korrektur zu. Ein falscher Strich, eine falsche Farbmischung und die perfekte Oberflächentextur wäre zerstört. Daher fängt der Künstler erst an, ein neues Motiv von seinem Geist abzumalen, wenn er es vorher exakt rememoriert hat. In Einzelfällen kann diese Phase Tage und Wochen in Anspruch nehmen.

Das Malen selbst empfindet der Künstler als heiligen Akt. Es kann nur das beim Betrachter ankommen, was er auch wirklich in ein Gemälde hineingegeben hat. Die Füllermalerei ist ein in meditativer Langsamkeit durchgeführtes Ritual bildnerischer Präzision. Stets begleitet von Musik, die der Künstler für jedes Motiv individuell auswählt.

Die evidente Korrelation zwischen Machart und Motiv spiegelt sich auch in der Namenswahl. Der Künstler nennt seine Arbeiten Füllergemälde. Die Definition als Gemälde ist für Arbeiten auf Karton unkonventionell und begründet sich im Fakt, dass die Farben vor dem Auftrag einen mehrstufigen Mischakt durchlaufen. 

Mit Erreichtem gibt sich der Künstler nie zufrieden. Allmählich wachsen seine Formate. Aus technischen Gründen sind große Füllergemälde stets modular aufgebaut. Die spezifischen Fließanforderungen des Werkzeugs zwingen den Künstler zur Arbeit am Tisch, was die Papiermaße limitiert.

 
Sinfonik

Auch die Zeit ist ein wichtiger Bestandteil seiner Kunst. Nicht nur als persönliche Geduld beim Malen, auch dem Heranreifen großer Ideen muss ausreichend Zeit zugestanden werden. Nach Jahren kontinuierlichen Füllermalens fiel dem Künstler auf, dass gewisse Gemälde-Ensembles Variationen zu einem Thema bilden. Dabei ähneln sie frappant dem Aufbau klassischer Musiksinfonien. Um seine Beobachtung zu verifizieren, verbringt er Monate damit, die Werke von so vielen Symphonikern (bis zum Anfang des 20. Jhs.) wie möglich zu studieren.

So erarbeitet er sich das Handwerkszeug für seine nächste Steigerung: Die Monumentalität. 1999 beginnt die Arbeit an seiner ersten Symphonie, der Blauen. Er baut sie auf wie eine klassische Partitur. Schon Da Vinci nannte Musik und Malerei Geschwister. Farben und Musik gehorchen ähnlichen Gesetzen und haben eine vergleichbare Wirkungsweise. Beide bestehen aus Wellen, aus Frequenzen. Ihre Schwingungen bringen etwas ganz Bestimmtes im Menschen zum Klingen.

Nicht nur in ihrer physischen Dimension beeindruckend, auch ihre emotionale Statur findet Analogien in der Dramatik der großen musikalischen Symphonien. Die Vielfalt der abgebildeten Formen und Symbole auf der gigantischen Fläche ist bemerkenswert: kein Detail wiederholt sich. Axel Neumann hat sich zum sinfonischen Maler weiterentwickelt.

Die Füllermalerei ist nicht nur eine technische Pionierleistung. Auch die Stilistik der Motive ist unverwechselbar. Trotz ihrer handwerklichen Akkuratesse wirken die Kompositionen nie steril. Die stets proportional harmonischen, manchmal scheinbar symmetrischen Motive sind lebendig und stehen kurz davor, sich in Bewegung zu setzen.

 
Würde des Menschseins

Der Künstler verortet seine Motive in die Transition zwischen materiellem und mentalem Raum. Das Kunstwerk selbst wird zu einer durchlässigen Membran zwischen Materie und Immaterialität, die durch die Aufmerksamkeit des Betrachters aktiviert und in Schwingung versetzt wird.

Nur selten gibt er seinen Gemälden einen Namen. Auch wenn er selbst seine Motive schon längst personalisiert hat und sein Tun als Portraitieren versteht: Er will dem Rezipienten nicht vorschreiben, was er darin zu sehen hat. Neumann nennt seine Kunst gnostische Malerei.„Wahr ist, was ich selber erlebe.“ Jeder soll in den Motiven das sehen, was sie für ihn persönlich bedeuten.

Am liebsten ist es ihm, wenn der Betrachter sich einfach treiben lässt und sich seiner Vorstellungskraft anvertraut. Die Phantasie gehört zu den wirkmächtigsten Werkzeugen des Menschen, sie ist Glücksreservoir und vielleicht sogar aktive Zukunftsgestalterin. Aber vor allen Dingen ist sie der Schlüssel zum Innenleben. Und darum geht es dem Künstler: Er möchte den Menschen ihre innere Schönheit wieder bewusst machen. Denn für ihn ist nicht das Bild an der Wand das eigentliche Kunstwerk, sondern der Mensch, der es betrachtet. „Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch alles Wissen bereits in sich trägt. Er muss nur lernen sich selber zuzuhören.“

Axel Neumann möchte die Berührungsängste gegenüber bildender Kunst abbauen. Beim Hören von Musik gilt das unmittelbare Empfinden als normal. Dasselbe ist auch mit bildender Kunst möglich. Um auch ungeübten Rezipienten ein physisches Empfinden für Farben zu ermöglichen, überschreitet Neumann an seinen Ausstellungen Genre- und Gattungsgrenzen. Dann inszeniert er seine Arbeiten mit Licht und Musik und lädt die Besucher zu einem Fest ein.


Laden Sie sich diesen Text als PDF herunter.